Kinderyoga der besonderen Art

Fotocredit Carina Görissen

Gastbeitrag von Sunita, Yogareich.de

Kinderyoga ist immer etwas besonderes, wie ich finde. Kinder sehen noch voller Unschuld und Neugierde in die Welt und Du kannst ihnen mit und durch Yoga viele einzigartige Dinge vermitteln. So stelle ich es mir zu mindest immer vor. Denn, so seien wir doch einmal ehrlich, hätte ich mit 6 oder 7 Jahren schon so meditiert wie ich es heute tu oder hätte ich damals nicht den Druck der Turn- oder Tanzgruppe gehabt in der es lediglich darum ging, besser, schneller oder einfach nur mehr als gut zu sein und hätte stattdessen Yoga praktiziert, früh kennengelernt das es ausreichend ist wie ich bin, das es wichtig ist, zu atmen, das es toll ist seinen Körper zu spüren und nicht zu stressen, dann wäre ich mit Sicherheit sehr glücklich gewesen. Und genau darum finde ich Yoga für Kinder so wichtig. Es geht nicht nur um die Bewegung, vielmehr geht es darum was das Yoga mit jedem Einzelnen macht. Auch und gerade langfristig betrachtet.

In Hamburg Lokstedt gibt es ein Projekt, Lokstedt in Motion, welches auf ehrenamtlicher Basis 1 x im Monat Yoga für Mädchen und Frauen anbietet, die aus verschiedenen Ländern zu uns nach Deutschland geflüchtet sind. Man sollte meinen, die Frauen stehen hier im Vordergrund, aber so ist es nicht. Schon früh kristallisierte sich raus, das die Frauen nicht so leicht von zu Hause loskommen, oftmals sind Geschwisterkinder daheim, die nicht mitkommen können oder die fehlenden Sprachkenntnisse ließen die Frauen lieber zuhause bleiben, als sich beim Yoga zusammenzutun. Die Mädchen aber kamen von Anfang an sehr gern zu den monatlichen Treffen und so wurde diese Gruppe umgeändert in Kinderyoga. Jungs sind mittlerweile auch dabei und es sind oftmals 10-18 Kinder da. Tja, eigentlich viel zu viele um Yoga wirklich in Ruhe praktizieren zu können. Aber die Tatsache, das gerade diese Kinder – den weiten und mit Sicherheit steinigen Weg aus Syrien, Libanon, Afghanistan, Equador und anderen Ländern hinter sich haben und sich nun hier wenigstens in Sicherheit zu währen – Zuneigung, Wärme, Selbstsicherheit und Sicherheit im allgemeinen einfach brauchen, lässt mich davon abhalten, einige wegzuschicken nur weil die Gruppe zu groß ist. Man glaubt es kaum, jetzt ca. 1,5 Jahre nach Beginn des Projektes gibt es Momente in denen fast alle von ihnen auch einmal zur Ruhe kommen.

Fotocredit Carina Görissen

Man muss es sich vorstellen wie eine sportliche Yoga Stunde, in der viel gelaufen wird, die Tatsache das es in einer riesen Turnhalle stattfindet trägt natürlich einiges dazu bei, dass viel und gerne gelaufen wird. Yoga wird zwischendurch immer wieder praktiziert, nicht so ruhig wie es in einer kleineren Gruppe wäre, nicht so besonnen wie es evtl. in einem hübscher gestalteten Raum wäre, aber immerhin.  Die Kinder lieben es, wenn sie im Baum nicht umfallen, wenn sie die Namen der Asanas können (ich unterrichte auch deutsch, da die meisten der Kinder sowieso gerade erst Deutsch gelernt haben )

Die Stunden laufen immer anders ab, da oftmals andere Yogaleherinnen unterrichten, in den letzten 1,5 Jahren haben bestimmt schon 25-30 Lehrerinnen geholfen, selber unterrichtet, assistiert oder waren einfach nur dabei. Wir haben Matten erhalten von einer lieben Lehrerin, organisiert von Tchibo. Danke noch einmal dafür. Wir haben Deckenspenden erhalten von einer anderen lieben Lehrerin. Wir haben Kleidungsspenden erhalten von einer tollen Hamburger Modefirma. Und allein das finde ich einfach nur wunderbar. Denn im Yoga geht es ja nicht nur darum Yoga zu körperlichpraktizieren, nein vielmehr geht es doch auch darum sich selber und anderen Lebewesen liebevoll zu begegnen und genau das passiert hier.  Jeder hilft in seinem Maße, viele Menschen gemeinsam helfen, dass diese Kinder einmal im Monat zum Yoga kommen können.

Aber zurück zu der Stunde und dem Yoga mit Kindern, die Kinder haben durch ihre Reise Traumata erlebt, die wir uns nur schwer vorstellen können. Sie haben Geräusche gehört, die auch nur bei einem Mal in unseren Ohren Schmerzen oder schlechte Träume hervorrufen würden. Sie haben Menschen verloren, die sie liebten, sie mussten innerhalb kürzester Zeit eine neue Sprache lernen, sich in vollkommen neuen Situationen zurechtfinden. All das können wir nur erahnen. Und daher wundert es nicht im Geringsten, dass sie bei Stille erst einmal laut werden, aus Angst vor dem was kommt oder kommen könnte. Es überrascht nicht, dass sie hibbelig sind, sich bewegen wollen allein schon weil sie entweder mit vielen Menschen zusammen in winzigen Containern wohnen oder zusammen mit ihrer (oftmals großen Familie) in einer kleinen Wohnung wohnen und oftmals den ganzen Tag drinnen sind, aus Sorge vor fehlenden Sprachkenntnissen der Eltern oderbedingt durch das Erlebte.

Daher sind unsere Yogastunden oftmals unruhiger als die Yogastunden die man sich so vorstellt, viele der bisher helfenden Lehrerinnen waren erstaunt über die Quirligkeit der Kinder, die aber auch aus dem Trauma hervorgerufen werden kann. (hierzu bald mehr auf Yogareich.de) Wir bieten zu Beginn immer erst einmal das Austoben, das Laufen an, gehen dann über in einige neue Asanas, schauen, dass wir die Asanas, die die Kinder schon kennen vertiefen und im Sinne von auch einmal ein paar Atemzüge halten. Wir bieten verschiedene Stundenkonzepte an, von Geschichten die durchlaufen werden bis hin zu Yoga – Sport – Spielen, alles wird hier gern und gut angenommen. Die Jungs sind meistens noch ein wenig wilder als die Mädchen, aber das wären sie sicher auch wenn sie nicht von so weit her angereist wären, oder?!

Was ich aber wirklich toll finde, dieses Projekt bringt Yoga zu Menschen, zu Kindern die vielleicht sonst gar nicht mit Yoga in Berührung gekommen wären. Denn auch das ist mir klar, einige von der Rasselbande kommen lediglich zum Yoga weil sich ihnen kaum etwas anderes bietet an dem Tag, weil sie einfach einmal raus wollen, Kind sein wollen und genau darum geht es doch. Durch Yoga kommst Du als Erwachsener mit Deinem inneren Selbst wieder in Berührung, wenn Du als Kind Yoga übst, hast Du die Möglichkeit, Dein inneres Selbst erst gar zu verlieren und mit Dir selbst in Kontakt zu bleiben. Deshalb bin ich froh über alle die mit Yoga in Berührung kommen, aus welchen Gründen auch immer, die dann merken, wie gut es ihnen tut und sich daran erinnern können, darauf zurückgreifen können, in Zeiten in denen sie es wirklich brauchen. Diese Yogastunden mit den wunderbaren Kindern aus aller Welt sind zwar unruhig, aber das Herz geht in einem auf, wenn sie es schaffen am Ende der Stunde zur Ruhe zu kommen und es zulassen können, ihren Atem wahrzunehmen. Einfach wunderbar.

In diesem Sinne: Lasst Eure Kinder am Yoga teilnehmen, wann immer sich ihnen die Möglichkeit bietet.

Sunita

Sunita Ehlers

www.yogareich.de

Und wer helfen mag und in Hamburg wohnt, meldet Euch gern. Mitmachen, assistieren, Yoga unterrichten wir freuen uns über jeden der dabei ist. 


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